
✔ fachlich geprüft von Lea Siemann (Dipl. Pädagogin)
Endlich hat man die schlaflosen Nächte hinter sich, die ausgelaufenen Windeln, roten Schniefnasen – ja, vielleicht sogar die Eingewöhnung bei der Tagesbetreuung. „Puh, das hätten wir geschafft“ atmen da viele Eltern von Zweijährigen auf und sind erleichtert, dass ihre Kleinen endlich „die schlimme Phase“ überstanden haben.
Und zack, steht frech grinsend die Autonomiephase vor der Tür und verwandelt das kuschelige Kleinkind urplötzlich in ein kleines trotziges Wesen, das weiß, was es will – Jetzt! Und SOFORT!
Und wehe dem, der den Plänen eines „Terrible Twos“ oder „Threenagers“ in die Quere kommt. Da geraten Erwachsene schnell an ihre eigenen Grenzen der Belastbarkeit. Häufig macht sich große Ratlosigkeit breit – Stress, Sorge, Überforderung und Unsicherheit sind oft die Folge. In diesem Beitrag geben wir konkrete Ratschläge und Tipps von Psycholog:innen, wie Eltern ihre Kinder durch die Autonomiephase begleiten können, um das emotionale Wohlbefinden aller Familienmitglieder zu bewahren und zu stärken.

Bei der Frage, wie wir die Autonomiephase so begleiten können, dass unser Kind gestärkt aus ihr hervorgeht, gilt es zu schauen, was die Autonomiephase eigentlich ist. Ging es in dem ersten Jahr des Lebens des Babys noch um das Bedürfnis nach Sicherheit, bedingungsloser Liebe, Bindung und Geborgenheit, stehen in der Autonomiephase das Entdecken des eigenen Willens und des Ichs ganz oben auf der Agenda.
Dein Kind steckt Vollgas in der Trotzphase? Herzlichen Glückwunsch! Das hast du gut gemacht! Denn dein Kind fühlt sich sicher und geborgen bei dir und ist deshalb bereit für den nächsten Entwicklungsschritt.
Kinder in der Autonomiephase sind oft eine große Herausforderung für Eltern und begleitende Personen. Es wird geschrien, geweint und manchmal sogar gehauen. Woran liegt das? Einerseits an dem immer größer werdenden Bedürfnis nach Autonomie und andererseits an dem gleichzeitigen Mangel an sprachlichen und motorischen Fähigkeiten. Ein wichtiger Faktor ist dabei die Entwicklung des präfrontalen Cortex.
Der präfrontale Cortex liegt im vorderen Gehirnbereich und steuert Gedanken, Gefühle, Sprache und die Planungsfähigkeit. Bei Babys und Kleinkindern ist dieser Bereich noch nicht voll entwickelt – er reift bis zum Alter von etwa 25 bis 30 Jahren weiter und ist erst dann bei den meisten voll ausgebildet. Kleinkinder, Kinder, Teenager und junge Erwachsene können also Schwierigkeiten damit haben ihre Gefühle zu regulieren.
Ebenso wenig wie ein Neugeborenes Klavierspielen kann, kann ein dreijähriges Kind seine Emotionen regulieren – beiden fehlt dazu die körperliche Fähigkeit.
Viele Eltern sind unsicher: Wann geht die Autonomiephase los? Hier gilt wie immer: Jedes Kind ist anders und hat seine ganz individuelle Art in die Autonomiephase zu starten. Allgemein kann man sagen, dass die Autonomiephase bereits im zweiten Lebensjahr beginnen kann.
Schon mit zarten 12 Monaten können Kleinkinder erste Anzeichen der Autonomie zeigen. Der Grund: Das Kleinkind entdeckt jetzt, dass es nicht Mama oder Papa ist, sondern eine eigene kleine Persönlichkeit, die durchaus einen Wirkungsradius hat.
Diese erste Episode der Autonomiephase umfasst das Kleinkindalter von 12 Monaten über 18 Monate bis hin zu etwa zwei Jahren. Es gibt viel Faktoren in der kindlichen Entwicklung, die hierbei eine Rolle spielen, wie die Beziehung der Eltern, große Geschwister und andere Einflüsse, die diese Entwicklung beeinflussen.
Die Trotzphase ab dem zweiten Lebensjahr geht bis zum etwa vierten Lebensjahr. Das ist oft die Hauptphase der „Trotzphase“, da sie meist geprägt ist von großen Gefühlsausbrüchen und entsprechend verzweifelten Eltern. Viele erleben eine extreme Autonomiephase mit drei Jahren. Häufig steht hier auch die Eingewöhnung in der Kita an oder der Wechsel von der Krippe in den Elementarbereich.
Kinder in dieser Lebensphase werden manchmal als "Terrible Twos" oder „Threenager“ bezeichnet, weil Eltern oder andere begleitende Erwachsene überfordert sind mit den schwankenden Emotionen des Kindes.
Kinder im Alter von zwei bis vier testen ihren Wirkungsradius immer mehr aus. Auch hier sind die Gefühle stark und schwankend, während die Fähigkeit über die Gefühle zu sprechen noch nicht voll oder noch gar nicht entwickelt ist, was oft zu großer Frustration führt.
In der Autonomiephase von Kindern im Alter von vier bis sieben Jahren entwickeln Kinder ein noch stärkeres Unabhängigkeitsgefühl. Gleichzeitig wird ihre Fähigkeit zu sprechen immer besser. Häufig geht das damit einher, dass die Wutanfälle und die große Frustration immer mehr abnehmen. Auch die Fähigkeit, große Emotionen einzuordnen, kann sich weiter entfalten und kann dabei helfen, alltägliche Probleme erfolgreich zu meistern. Andererseits kann es hier durch schulische Überforderung zu einem kurzzeitigen Wiederaufflammen starker Trotzreaktionen kommen.
Die Trotzphase ist ein natürlicher Entwicklungsschritt. Als Eltern oder begleitende Person ist es wichtig sich klarzumachen: Hier läuft nichts falsch! Das ist alles genauso, wie es sein soll! Gleichzeitig wird die Autonomiephase als große Herausforderung erlebt. Dieses Verhalten kannst du in der Autonomiephase deines Kindes beobachten:
Obwohl sie herausfordernd sein kann, ist die Autonomiephase eine entscheidende Zeit für die Entwicklung des Kindes. In dieser Phase entwickeln Kinder ein Gefühl für ihre eigene Identität und Selbstwirksamkeit. Sie lernen, ihre Umwelt zu beeinflussen und eigene Entscheidungen zu treffen. Diese Erfahrungen sind wesentlich für die Entwicklung von Selbstvertrauen und Unabhängigkeit.
Hand aufs Herz: Auch wenn wir wissen, wie wichtig die Autonomiephase für unsere Kinder ist und verstehen, dass die Hirnreife eine Regulierung von Emotionen nicht zulässt und dass unser Kind nicht anders kann, als so zu reagieren: Es ist so anstrengend!
Nun, häufig liegt das daran, dass wir selbst in unserer Autonomiephase vielleicht nicht kindgerecht begleitet wurden. Vielleicht waren deine Eltern streng und haben mit Strafen und Forderungen auf dich und deine Emotionsausbrüche reagiert. Vielleicht haben sie sich geschämt und dich getadelt oder dir gedroht oder vielleicht sogar die Nähe oder Liebe entzogen oder dir ein schlechtes Gewissen gemacht.
Wir haben gelernt: „Das darf man nicht“, „Das macht man nicht“, „Sei still“, „Geh auf dein Zimmer“, „Mach nicht so ein Drama“, „Ist doch nichts passiert“, „Stell dich nicht so an“, „Schäm dich“, „Mach nicht so ein Theater“, „Du machst uns das Leben schwer“. Diese und ähnliche Sätze und Reaktionen auf unser kindliches Verhalten formen unsere inneren Glaubenssätze. Sätze, die sich tief in unserer Persönlichkeit verankert haben und zu unserer Identität geworden sind.
Je nach Generation und Aufgeklärtheit haben heutige Eltern-Generationen solche Sätze und Reaktionen ihrer Eltern noch erlebt und werden deshalb heute von ihren eignen Kindern an diese unbewusst erinnert. Das bedeutet: Die großen Emotionen und das Verhalten unserer Kinder in der Autonomiephase wecken die intensiven Gefühle in uns, die nicht sein durften als wir Kinder waren. Das kann zu großem Stress führen. Denn einerseits sind wir heutzutage so aufgeklärt, dass wir wissen: „Wie unsere Eltern wollen wir es nicht machen!“. Aber eine alternative Strategie fehlt auch häufig.
Es gibt gute Strategien, mit denen die Autonomiephase der Kinder leichter werden kann:
Viele Eltern und vor allem Mütter haben Schwierigkeiten neben den ganzen To-dos des Alltags mit Kind an sich zu denken. Selbstfürsorge ist hier aber etwas, das wir für auch für unsere Kinder tun. Denn ein zufriedener und ausgeruhter Elternteil kann sich liebevoller und geduldiger um die großen Themen der Kleinen kümmern. Das kannst du für dich tun:
Die Autonomiephase ist eine herausfordernde, aber auch eine unglaublich bereichernde Zeit, in die Kinder und Eltern sich emotional entwickeln und wachsen können. Ihr habt die Möglichkeit, euer Kind in seiner Entwicklung zu einer selbstbewussten und unabhängigen Person zu unterstützen. Der Schlüssel liegt in der Selbstfürsorge, um ruhig, gelassen und mit Verständnis und Geduld auf die starken Bedürfnisse eures Kindes reagieren zu können.
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